Warum die Politik oft am Volk vorbeiregiert | Umfrage-Papst Hermann Binkert von der INSA packt aus
Shownotes
In dieser Episode spricht Hermann Binkert, Chef des Meinungsforschungsinstituts INSA, über die aktuellen politischen Trends und die Rolle der Meinungsforschung in Deutschland. Binkert beleuchtet die Diskrepanz zwischen den Wünschen der Bevölkerung und der tatsächlichen Politik und erklärt, warum es immer wieder zu gegenteiligen politischen Entscheidungen kommt. Er geht auf die Bedeutung von Meinungsforschung ein, erklärt die Auswirkungen kurzfristiger Umfrageergebnisse und kritisiert, dass Politiker oft zu sehr auf die Meinungsforschung hören, anstatt für ihre Überzeugungen zu werben. Was bedeutet das für unsere Demokratie und die politische Landschaft? Und wie verändert sich die Repräsentation politischer Meinungen in den Medien und in der Gesellschaft? Ein spannendes Gespräch über Demokratie, Meinungsfreiheit und die Herausforderungen für die Politik in Deutschland.
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00:00:00: Die Politik meint, wenn wir jetzt alles nur umsetzen, was die Bevölkerung gerne möchte, dann müssten die ja zufrieden sein.
00:00:05: Zu Gast Hermann Binkert, Chef des Meinungsforschungsinstituts INSA.
00:00:09: Aber
00:00:09: letztlich erwarten die Bürger auch das Politikorientierung.
00:00:13: Trotzdem findet, ja um ja, genau eine gegenteilige Politik statt.
00:00:17: Der AfD hat aktuellen Potential, dass sie etwa jeden dritten Wähler.
00:00:21: Ich
00:00:23: stelle Sie doch jetzt die Frage, ist das normal oder ist es nicht Ausdruck einer zunimmenden Dysfunktionalität unserer Demokratie?
00:00:31: Wichtig, das ist das auch.
00:00:33: Alle in Deutschland wieder das Gefühl haben, ohne Gefahr für eigene Nachteile ihre Meinung positionieren zu können.
00:00:41: Herzlich willkommen bei JVTV aus unserem Berliner Studio.
00:00:44: Heute zu Geist Hermann Binkert, Chef des Meinungsforschungsinstituts INSA.
00:00:49: Hallo Herr Binkert.
00:00:49: Hallo Herr Schwarz.
00:00:51: Herr Winkert, Sie haben uns Ihr neues Buch mitgebracht.
00:00:55: Wie Deutschland tickt, ein Meinungsforscher packt aus.
00:00:59: Ein solcher Titel, der lässt natürlich gar keine andere Frage zu, als welche heißen Eisen an Insiderinformationen haben Sie denn auszupacken?
00:01:09: Also viel sachliche Informationen.
00:01:11: Sie auf haben zunächst mal, wie man gute Meinungsforschung macht.
00:01:14: Sie auf haben Beispiele, wie Meinungsforschung auch schlecht gemacht werden kann.
00:01:20: Sie erfahren, wie die Deutschen in den unterschiedlichen Themenfeldern ticken, in welchen socio-demografischen Merkmalen das gemessen werden kann und wie eben die Vielfalt der Meinungen in Deutschland aussieht.
00:01:35: Also manchmal hat man ja bei der Meinungsforschung den Eindruck, weiß der Deutsch überhaupt, was er will, wenn man so in die Politik schaut.
00:01:44: Also es gibt ja nicht den Deutschen.
00:01:46: Sondern es gibt eine Vielfalt von Meinungen in Deutschland.
00:01:51: Und wir können gut feststellen, in welchen Blasen sich diese Meinungen entwickeln.
00:01:56: Wir können feststellen, auf welche Argumente die Menschen besonders hart reagieren.
00:02:02: Und das ist die Aufgabe von Meinungsforschung, die Wirklichkeit abzubilden.
00:02:10: Kojumahan, großer SPD-Vorsitzender, einmal gesagt, Politik beginnt.
00:02:14: mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit, aber Politik endet halt nicht damit.
00:02:19: Also es darf nicht damit schon vorbei sein, dass man Meinungsforschung macht, sondern Politik muss trotzdem eigenen Gestaltungsauftrags sehen.
00:02:27: Ja, aber wenn man jetzt zum Beispiel in die aktuelle Politik schaut, dann sieht man Friedrich Merz, der hat gerade Oberwasser, hat eigentlich gerade einen Lauf, die Prozente für ihn steigen.
00:02:37: Und man fragt sich, wieso eigentlich vor vier Wochen, da saß noch im Mitte Mai ganz anders aus, auch direkt nach der Wahl mit seinen Gesetzen, die er dann durchgepaukt hat im Bundestag, ist das Gedächtnis der Wähler so kurz?
00:02:54: Wo ist die schlechte Meinung der Wähler von vor vier Wochen über Friedrich Merz hin.
00:02:59: Also letztlich werden halt kleine Veränderungen schon groß publiziert.
00:03:06: Man muss ja immer noch sehen, dass die CDU, CSU bei den aktuellen Umfragen immer noch schwächer ist, als bei der Bundestagswahl am April, wo man ja auch schon der Meinung war, das Ergebnis ist schwach.
00:03:19: Und die AfD, wo man sagt, die ist jetzt schwächer geworden, ist immer noch stärker als bei der Bundestagswahl, wo man gesagt hat, sie hat ein überraschendes starkes Ergebnis erzielt.
00:03:29: Das heißt also, Vorsicht, die langen Trends beobachten und jetzt auch im Blick jetzt, wer da Oberwasser hat oder wer absäuft.
00:03:39: Ich glaube, man sollte da einfach vorsichtiger sein, immer Trends, kurzfristige Trends, weit in die Zukunft zu projizieren.
00:03:49: Die Demokratie soll ja die Meinung des Volkes politisch transportieren.
00:03:55: Was sagen Sie als Meinungsforscher dazu?
00:03:57: Gelingt das eigentlich?
00:04:00: Also vielleicht gelingt es manchmal mehr, als es richtig wäre.
00:04:04: Also wenn man hergeht und sagt, also Politik achtet sehr stark darauf, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist.
00:04:11: Das ist ja auch notwendig, dass das passiert, dass man weiß, so ist die Wirklichkeit.
00:04:16: Aber es gibt beines Erachtens so eine Art Missverständnis zwischen Politik und Bürgern.
00:04:22: Die Politik meint, wenn wir jetzt alles nur umsetzen, was die Bevölkerung gerne möchte, dann müssten die ja zufrieden sein.
00:04:29: Aber letztlich erwarten die Bürger auch, dass Politik Orientierung gibt, dass da Menschen sind, die für ihre Ideen werben, die für ihre Überzeugungen brennen.
00:04:38: Das ist eigentlich ein wichtiger Fakt.
00:04:40: Und da versuche ich auch ein Stück weit zu werben zu sagen, also das, was wir als Meinungsforscher machen, ist wichtig.
00:04:48: Aber ganz entscheidend ist das, was die Meinungsbildner in der Gesellschaft machen, die der Bevölkerung helfen, sich zu orientieren, weil sie die unterschiedlichen Angebote erst mal darst.
00:05:00: Also
00:05:00: Meinungsbildner sind jetzt Politiker und Parteien?
00:05:02: Politiker, Parteien, Medien, also auch Sie als Redakteur der jungen Freiheit sind ja auch Meinungsbildner.
00:05:11: Gut, aber was heißt es jetzt?
00:05:12: Sie kritisieren, dass man sich zu sehr an der Meinungsforschung orientiert.
00:05:17: Kritisieren Sie als Meinungsforscher?
00:05:18: Müssen Sie nicht begeistert sein, wenn die Politik alles tut, was Sie ausgeben?
00:05:23: Also ich bin ja nicht nur Meinungsforscher, sondern auch Staatsbürger.
00:05:27: Und ich finde schon, dass Meinungsforschung helfen kann, dass wir auch sagen können, das sind also die Themen oder das sind die Argumente auf die die Bürger bei einem Thema vielleicht besonders wertlegen.
00:05:39: Aber wir können nicht die Arbeit der Politik übernehmen.
00:05:43: Also Politiker haben Ideen, die sind ja nicht in die Politik gegangen, weiß ich sagen.
00:05:48: Also es ist nur wichtig, dass ich da einen Posten habe, sondern stelle mal, dass da auch Ideen da sind, die man umsetzen will.
00:05:56: Und dann erwarte ich, dass man für diese Ideen wirbt.
00:05:58: Und wir als Meinungsforscher können ja mithelfen, festzustellen, wie gut das gelingt.
00:06:04: Also Sie empfehlen jetzt quasi Politikern, hört weniger auf die Meinungsforschung?
00:06:09: hört nicht auf mit dem, was er von der Meinungsforschung erfahrt, sondern werbt für eure Überzeugungen und nutzt Meinungsforschung, um vielleicht mit den Argumenten, die bei den Bürgern besser zünden, für die Ideen zu werben, aber nicht etwas anderes zu vertreten als das, von dem man überzeugt ist.
00:06:30: Also ich erwarte ja auch von der Politik, dass sie das macht, was sie für richtig hält und nicht für das, wo sie meint, na ja, dafür ist jetzt grad mal fiktiv eine Mehrheit.
00:06:40: Gut, aber worauf ich zurück wollte oder worauf ich hinaus wollte eigentlich war, dass wir ja erleben, dass unser politisches System immer mehr, ihm wird immer mehr vorbehalten begegnet.
00:06:52: Wir haben zwar die erfreuliche Entwicklung, dass die Wahlbeteiligung steigt, aber gleichzeitig haben wir eine Erosion des politischen Vertrauens.
00:07:01: Und da fragt man sich, was ist los?
00:07:04: Weil eigentlich soll?
00:07:05: dieses politische System der Demokratie zielt ja gerade darauf, diese Identität von Wahlvolk oder von Bürger und Politik herzustellen.
00:07:15: Wenn das nicht richtig funktioniert, dann scheint doch irgendwas im Getriebe der Demokratie nicht richtig zu funktionieren.
00:07:21: Also ich bin zunächst mal, wie sie froh, dass die Wahlbeteiligung wieder steigt, weil das deutlich macht, dass es eine lebendige Demokratie ist, dass die Leute ein Angebot finden in dem, was es an Parteien gibt und Parteien wählen, weil es dieses Angebot neue Angebot gibt oder wieder an der Wahl teilnehmen, weil sie nicht wollen, dass das neue Angebot zu stark wird.
00:07:46: Ich finde das gut.
00:07:48: Also der Anstieg der Wahlbeteiligung ist ein gutes Zeichen für die Demokratie.
00:07:53: Das sollte man einfach mal als Punkt zu stehen lassen.
00:07:56: Dass es immer Kritik an Politik gibt.
00:08:00: Immer Kritik gibt daran, wenn irgendetwas verändert wird.
00:08:04: Ich glaube, damit muss man einfach leben.
00:08:06: Auch Politik sollte nicht... Dann, wenn jetzt mal ein Widerspruch kommt, sagen, okay, jetzt können wir das nicht machen, weil da Widerspruch kommt, sondern wenn man von der Sache überzeugt ist, muss man auch mal eine Durchstrecke durchgehen und sagen, jetzt zeigen wir den Leuten, dass das so stimmt.
00:08:23: Wesentlich Entscheidungen in der Bundesrepublik
00:08:26: sind
00:08:27: getroffen worden gegen die Mehrheit der Bevölkerung, ob das die soziale Marktwirtschaft war, ob das Bestintegration Wiederbewaffnung war.
00:08:36: Selbst bei der Nachrüstung war eine Mehrheit dagegen und mit der Zeit waren die Leute dann überzeugt, haben gemerkt, dass es richtig ist.
00:08:45: Der Umkehrschluss stimmt natürlich auch nicht, dass man hergeht und sagt, jetzt vertritt man mal eine Politik, die von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird, dann wird es schon richtig sein.
00:08:53: Das ist natürlich auch quatsch.
00:08:55: Also man sollte schon vorsichtig sein, wenn man meint, Ja, man sei da der einzige, der richtig fährt und das andere sein Geisterfahrer, dann ist man möglicherweise selbst auch da.
00:09:07: Herr
00:09:07: Wengert, es ist auch jetzt so, dass zum Beispiel politische Ziele wie weniger Migration, weniger mehr innere Sicherheit, weniger finanzielle Belastung oder weniger bürokratische Regulierung von der Mehrheit der Leute gewollt werden, trotzdem findet ja um ja genau eine gegenteilige Politik statt.
00:09:26: Und da stellt sich doch jetzt die Frage, ist das normal oder ist es nicht Ausdruck einer zunehmenden Dysfunktionalität unserer Demokratie?
00:09:35: Also Parteien schauen ja nicht immer nur darauf, was jetzt die Mehrheit der Bevölkerung will, sondern was ihre eigene Klineteal erwartet.
00:09:42: Die Wähler von Bündnis Neunzig, die Grünen und der Linkspartei finden Migration ist überhaupt kein Problem und auch kein wichtiges Thema.
00:09:52: Und innere Sicherheit ist auch nicht so entscheidend.
00:09:55: Da geht es dann eher darum, wie sieht es aus mit dem Klimaschutz?
00:09:58: Wer hat da mehr gemacht?
00:10:00: Und insofern Achten diese Parteien stärker darauf, dass die Themen, die ihren Wählern wichtig sind, in Vordergrund kommen.
00:10:08: Und das Thema Migration, das ist ein Thema, was Wähler von Union, AfD, FDP, gutes Stück weit die SPD beschäftigt, aber eben nichts Linke und
00:10:25: Grüne.
00:10:27: Sie sagen selbst, es gibt ungefähr gleich viel Bürger, die sich als rechts wie als links einordnen.
00:10:35: Trotzdem sind ja in unseren, in den offiziellen Foren unserer Demokratie, Politik, Medien, die Gesellschaft, Institutionen, da sind ja überwiegend während die linken Positionen repräsentiert.
00:10:49: Kaum die rechten Positionen.
00:10:52: Ist das nicht aus der Sicht eines Meinungsforschers ein krasser Missstand?
00:10:55: für eine Demokratie.
00:10:58: In einer Demokratie ist es so, dass im Parlament Repräsentationslücken gefüllt werden durch die Wähler, die dann eben andere Parteien wählen, wo sie sagen, das ist sonst nicht abgedeckt.
00:11:12: Für die Medien, vor allem für die öffentlich-rechtlichen, gilt es in dieser Form nicht.
00:11:18: Es ist so, dass sich dann eben neue Medien in den Markt kommen.
00:11:24: Wir haben ja eine Situation, dass jetzt heute über alternative und soziale Medien einfach auch eine andere Medienwirklichkeit geschaffen ist.
00:11:32: Und dass die Befragten unter fünfzig in ganz anderen Medienkonsum zeigen, als die Befragten über fünfzig.
00:11:39: Also das öffentlich-rechtliche Fernsehen, öffentlich-regelige Rundfunk, schützt sich ja sehr stark auf die ältere Generation.
00:11:47: Wir fragen ja auch, ab welches Medium nutzen Sie?
00:11:50: Und da kann man feststellen, dass also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Bündnis neunzig die Grünen wählt, bei Nutzern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks am höchsten ist.
00:12:03: Und insofern hat sich da etwas verändert.
00:12:06: Also ich würde sagen, diese Repräsentationslücke, die Wähler.
00:12:13: bei Wahlen im Blick machen, wenn sie neues Angebot finden im politischen Spektrum und das stärken, das nutzen die Nutzer von Medien dadurch, dass sie dann eben auf soziale und alternative Medien ausweichen.
00:12:26: Nun wirken die, laut Grundgesetz, die Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mit.
00:12:32: Das ist die Theorie.
00:12:34: In der Praxis hat zumindest in den neunziger Jahren eine Diskussion begonnen, die dann wieder abepte, um die, sagen wir mal, nachteilige Auswirkungen der Parteien auf die Demokratie.
00:12:49: Zum Beispiel, sagte damals der Bundespräsident Richard von Weitzegger, die Parteien seien Machtvergessen und Machtversessen zugleich.
00:12:56: So, meine Frage jetzt an Sie sind, als Meinungsforscher sind die Parteien aus Sicht dieses Ideals, dass Demokratie die Meinung des Volkes ins Politische transportieren soll.
00:13:07: Sind die Parteien da tatsächlich
00:13:10: die
00:13:11: positiven Faktoren, wie das Grundgesetz behauptet?
00:13:15: Oder sind sie de facto eigentlich eher zum Problem geworden?
00:13:19: Also, die Parteien haben nicht in der Gänze den Verfassungsauftrag, den sie da doch Artikel ein, zwanzig haben.
00:13:26: erfüllt.
00:13:27: Und das ist ja auch ein wichtiger Punkt, den ich in dem Buch beschreibe, dass ich sage, also Parkhein sollten wieder bereit sein, zum Streit um die besten Ideen, zum Streit und den Wettbewerb um das, was man, von dem man überzeugt ist.
00:13:45: Das ist ja das, wo ich sage, also Meinungsbildung ist noch wichtiger als Meinungsforschung.
00:13:51: Und die Parteien, die nur hergehen und sagen, na ja, jetzt versuchen wir mal, den willen, den vermeintlichen Willen des Volkes, verbal zu unterstützen, dass die ihrer Verantwortung nicht ganz gerecht werden, wenn sie nicht auch das machen, was sie selber für richtig empfinden und von dem sie überzeugt sind.
00:14:10: Und Parteien, wenn ich das noch sagen darf, Herr Schwarz, unterschätzen auch ihre Möglichkeiten, ihre Wähler zu überzeugen.
00:14:21: Also wenn Parteien hergehen und für eine Position werben, haben sie auch die Chance, ihre eigenen Wähler zu überzeugen.
00:14:28: Ich will Ihnen gerne ein Beispiel nennen, das ich auch im Buch drin habe.
00:14:31: Die Mehrheit der SPD-Wähler war vor der Entscheidung der Bundesregierung für Waffenlieferungen gegen Waffenlieferungen an die Ukraine.
00:14:42: Nachdem die Bundesregierung, die damals die Ampelkoalition das beschlossen hatte, war auf einmal die Mehrheit der SPD-Wähler für Waffenlieferungen.
00:14:48: Das heißt also auch, Die Wähler folgen doch aus einer Partei, wenn sie von einer Meinungsänderung überzeugt
00:14:56: sind.
00:14:57: Wie sehen Sie denn so einen Phänomen wie die Grünen, die eine relativ schwache Partei sind?
00:15:02: Also jetzt, wenn letzten Bundestagswahl hatten sie da sehr stark, bei vorletzten Bundestagswahl sehr stark abgeschnitten, aber traditionell waren sie ja eher eigentlich eine Partei, die kamen von fünf bis sieben Prozent, hat sich dann irgendwie so um die zehn, fünfzehn Prozent eingependelt.
00:15:17: Also weit entfernt von der Mehrheit, die aber überproportional die Politik in Deutschland bestimmt.
00:15:23: Aus Sicht des Meinungsforschers, der auch wieder darum besorgt ist, sich die Meinung, die reale Meinung in der Politik abbildet, ist das ein Problem und ein Phänomen, das sie zum Nachdenken bringt?
00:15:35: Also die Grünen vertreten eine Politik für clientel.
00:15:39: Sie sind nicht nur politisches Instrument, sondern verstehen sich auch ein Stück weit als Weltanschauungsverein.
00:15:46: Und das ist das, was viele Wähler auch erwarten, dass da Orientierung kommt.
00:15:52: Die Grünen haben dann jetzt im Blick auf die vergangenen Bundestagswahl sich ja auch offen gezeigt, gesagt haben, jetzt müssen wir schauen, dass wir da wieder ein bisschen mehr Richtung Mitte kommen.
00:16:03: Das hat dann dazu geführt, dass die Linke stark wurde.
00:16:06: Weil ein Wähler, der jetzt nicht wollte, dass Friedrich Merz Kanzler wird, hat ja praktisch nur noch die Linke zur Auswahl, weil alle anderen Parteien konnte ja nicht sicher sein, ob die nicht doch nachher Merz zum Kanzler wählen.
00:16:21: Sehen Sie denn irgendwelche Faktoren, die man korrigieren müsste, irgendwelche Momente, in denen unsere Demokratie eben ihr Ziel nicht mehr erfüllt, die Meinung zu transportieren.
00:16:34: Aus Ihrer Sicht als Fachmann würden Sie sagen, es gibt da ein paar Punkte, wo ich eine Reform eigentlich anmahnen würde, unseres politischen Systems.
00:16:42: Also Meinungsforscher sind ja nicht dafür da, jetzt Reformen voranzubringen.
00:16:46: Ich glaube nur, dass es wichtig ist, dass die Bürger merken, wenn sie wählen, dass das entsprechend Auswirkungen hat.
00:16:57: Also wenn Bürger mehrheitlich Parteien wählen, die einen restriktiven Migrationskurs wünschen und dem Ergebnis danach nicht stattfindet, dann ist natürlich ein Zweifel da, warum habe ich dann eigentlich so gewählt, wenn ich was anderes bekomme?
00:17:14: Deshalb wird der Erfolg der schwarz-roten Koalition daran liegen, ob das was mit dem Politikwechsel versprochen wird.
00:17:24: eingehalten wird.
00:17:26: Zweiter Punkt, den ich wichtig finde, ist, dass dringend das Wahlrecht wieder so gemacht werden muss, dass die Kandidaten, die im Wahlkreis gewinnen, auch in den Bundestag einziehen.
00:17:41: Also, wenn ein Wahlkreis Gewinner dann anschließend nicht mehr im Bundestag ist und derjenige, der dann vielleicht sogar noch einstellig war, Im Bundestag ist, weil das über die Liste gut funktioniert hat, dann fragen sich natürlich die Wähler, was ist denn eigentlich passiert und warum habe ich eigentlich zwei Stimmen?
00:18:03: und was ist eigentlich das mit dem Direktwahlkreis?
00:18:07: Ich glaube, da muss unbedingt nachgebessert werden.
00:18:09: Ich bin etwas erstaunt, dass das im Koalitionsvertrag nicht klar geregelt wurde.
00:18:15: Das wäre eigentlich gut gewesen.
00:18:17: Die Koalitionspartner hätten sich schon im Vorfeld.
00:18:22: geeinigt, wie das gelöst werden soll.
00:18:25: Ansonsten wird es wahrscheinlich schwer werden.
00:18:28: Also in Ihrem Buch sparen Sie ja eigentlich nicht mit Kritik jetzt nicht konkrete, dass Sie konkrete Formvorschläge machten oder eine Reform anmahnten, aber Sie äußern sich ja sehr deutlich kritisch, was die Situation der Meinungsfreiheit angeht.
00:18:43: Warum?
00:18:44: Was macht Ihnen da Sorgen?
00:18:46: Also ich äußer mich jetzt nicht kritisch zur Meinungsfreiheit, sondern ich äußer mich einfach pro Meinungsfreiheit.
00:18:52: Ich will deutlich machen, wie wichtig das ist, dass auch alle in Deutschland wieder das Gefühl haben, ohne Gefahr für eigene Nachteile ihre Meinung positionieren zu können.
00:19:06: Ich äußer mich kritisch dazu, dass es diese Kontaktschuldsache gibt.
00:19:13: Ich glaube, es ist wichtig, dass Leute miteinander ins Gespräch kommen, dass es Dialog gibt, dass es eine ganz vernünftige Streitkultur gibt.
00:19:23: Das halte ich für das Entscheidende und sehe auch, dass die Mehrheit der Deutschen dafür ist.
00:19:29: Also die große Mehrheit der Deutschen sagt
00:19:33: auch
00:19:34: die, die jetzt nicht AfD wählen.
00:19:36: Sie hätten überhaupt kein Problem und würden deshalb die Leute nicht aus ihrem Freundeskreis ausschließen, wenn sie jetzt zum Beispiel AfD wählen.
00:19:43: Und ich glaube, so einen Diskurs brauchen wir, weil nur dann hat man auch eine Chance, Leute, wo man meint, die haben vielleicht die falsche Meinung zu überzeugen.
00:19:53: Wenn ich mit Leuten nicht spreche, kann ich sie auch nicht überzeugen.
00:19:57: Was sehen Sie denn eigentlich für den Potenzial für die AfD?
00:20:01: Die AfD hat aktuellen Potenzial, dass sie etwa jeden dritten Wähler gewinnen könnte.
00:20:07: Das ist sehr viel.
00:20:09: Man darf ja nicht vergessen, dass wir noch vor Jahren Eine Sache hat, das war gesagt, haben also fünfzehn Prozent.
00:20:14: deutlich mehr wird es nicht.
00:20:15: Jetzt ist es schon das Doppelte.
00:20:18: Insofern ist die AfD in Ostdeutschland so stark, dass sie potenziell mehrheitsfähig ist.
00:20:29: Darf ich vergessen, bei der letzten Landtagswahl in Thüringen, zum Beispiel, hatte die AfD bezogen auf alle Wahlberechtigten.
00:20:40: der Wahlberechtigten hinter sich.
00:20:42: Die CDU hatte zwanzig Jahre zuvor, mit zwanzig Prozent der Wahlberechtigten die parlamentarische Mehrheit gewonnen.
00:20:51: Das lag nur daran, dass da die Wahlbeteiligung bei fünfzig Prozent lag, jetzt war sie über siebzig.
00:20:56: Also die Frage der Wahlbeteiligung ist ganz entscheidend dafür, welche Mehrheiten am Ende möglich sind.
00:21:04: Aber sie hatten ja vorhin schon gesagt, man darf jetzt nicht darauf achten, zwei Prozent hoch oder runter.
00:21:10: Das ist eine Momentaufnahme.
00:21:12: Im Moment verliert die AfD gerade ungefähr zwei Prozent verloren.
00:21:17: Das heißt, ich würde jetzt zunächst denken, es geht wieder abwärts.
00:21:20: So interpretieren das auch die Medien.
00:21:22: Sie sagen aber, nein, vorsichtig, man muss immer die lange Entwicklung sehen.
00:21:26: Und deswegen jetzt noch mal die Frage, welche langfristige Entwicklung sehen Sie denn für die AfD, welches Potenzial?
00:21:33: Also ich hätte schon gesagt, dass ein Drittel der Wähler, also wenn man Sonntagsfrage nimmt, plus die Leute, die sagen, ich kann mir vorstellen, dieses Partei zu wählen, kommt die AfD auf etwa ein Drittel der Wähler stimmt oder kämen sie auf ein Drittel der Wähler stimmt, das ist ein Rohrwert.
00:21:52: Und sie hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert im Blick auf das, was wir befragen mit der negativen Sonntagsfrage.
00:22:00: Wir fragen ja nicht nur ab, Was wir uns wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl ist oder wir fragen, welche anderen Parteien können sich vorstellen zu wählen?
00:22:09: Wie sicher ist Ihre Wahlabsicht mit sicheren Stimmen festzustellen, sondern wir stellen auch die sogenannte negative Sonntagsfrage.
00:22:15: Welche Parteien können Sie sich überhaupt nicht vorstellen zu wählen?
00:22:18: Da war die AfD zeitweise bei siebzig, fünfundsiebzig Prozent und ist jetzt so fünffünfzig, sechsundfünfzig Prozent.
00:22:27: Also auch da hat es sich deutlich verbessert und die Leute das nicht mehr ganz grundsätzlich ausschließen.
00:22:34: Ich halte das auch für eine deutliche Veränderung in der politischen Landschaft, in der Bundesrepublik, die es gab.
00:22:41: Auch eine deutliche Veränderung ist die Schwäche der früher großen Parteien.
00:22:48: In den neunzigzig und neunzigachtiger Jahren war es so, dass CDU, CSU und SPD zusammen noch bis zu über achtzig Prozent aller Wahlberechtigten hinter sich hatten.
00:23:00: Bei der letzten Bundestagswahl kamen CDU, CSU und SPD auf.
00:23:04: forty-fünf Prozent der Wähler stimmt zusammen und das sind aber nur sechsunddreißig Prozent aller Wahlberechtigten.
00:23:12: Das heißt also, nur gut jeder dritte Wahlberechtigten in Deutschland hat Parteien gewählt, die jetzt die Regierung stellt.
00:23:22: Die negative Sonntagsfrage, das ist ja so ein ganz wichtiger Faktor, der den meisten Leuten nicht bekannt ist.
00:23:27: Also die Sonntagsfrage, also sprich welche Partei würden sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, die ist ja allgemein bekannt.
00:23:34: Aber die negative Sonntagsfrage, die ist nur den wenigsten Leuten bekannt und die ist aber ein Grunde genauso wichtig.
00:23:41: Warum ist es eigentlich so?
00:23:45: Also wir haben das gemacht, weil wir es für wichtig finden.
00:23:50: Ich kann es nicht beurteilen oder will es nicht beurteilen, wer sagt, das interessiert mich nicht.
00:23:55: Wir haben es ja angeboten oder wir fragen das regelmäßig ab, weil wir das interessant und wichtig finden.
00:24:01: Ich kann aber niemanden zwingen zu sagen, er müsse das auch wichtig finden.
00:24:05: Was ich meine, ist die negative Sonntagsfrage.
00:24:08: Welche Partei würden Sie auf gar keinen Fall wählen?
00:24:10: Da hatte, wie Sie vorhin schon gesagt haben, die AfD immer ganz besonders schlechte Werte.
00:24:14: Siebzig Prozent, zum Beispiel in der Vergangenheit, hat sich jetzt ein bisschen verbessert.
00:24:19: Das heißt also, es zeigt im Grunde die negative Sonntagsfrage, deswegen so wichtig, weil es sie die Begrenzung zeigt, an die die Schallgrenze zeigt, an die eine Partei stößt.
00:24:30: Ja, vor allem ist es wichtig, wenn Parteien, was ja bei uns alle Parteien machen, die im Bundestag in Landtagen vertreten sind, wenn Parteien abfragen Position, dann wäre es töricht, sie würden ihre Meinung davon abhängig machen.
00:24:46: was die Leute denken, die sie sowieso grundsätzlich nicht wählen würden.
00:24:50: Das heißt also, die Konzentration auf die Wähler, die das nicht grundsätzlich ausschließen, ist da eigentlich der kluge Bereich, weil es irritiert, wenn man immer noch die Position von Leuten mit dabei hat, die man sowieso nie gewinnen
00:25:05: wird.
00:25:06: Jetzt ist der AfD auch ein Anliegen, das Thema Meinungsfreiheit, wie in Ihrem Buch.
00:25:13: Und die AfD kommt da zu dem ganz klaren Schluss, dass die Meinungsfreiheit schwer bedroht ist, in Teilen außer Kraft gesetzt ist.
00:25:21: Würden Sie als Fachmann, als Meinungsforscher, als Meinungsfachmann sagen, da hat die Partei einen Punkt oder geht die Ihnen da zu weit?
00:25:31: Also die Bedrohung der Meinungsfreiheit ist ja etwas, was ein Gefühl ist, was viele in Deutschland haben, also weit jetzt über die AfD-Wählerschaft hinaus.
00:25:43: Und ich halte das für wichtig, dass dieses Gefühl, dass da was bedroht ist, wo die Leute sagen, also jeder Dritte sagt, ich habe das selber schon mal erlebt, dass ich Nachteile hatte, wenn ich meine Meinung gesagt habe, dass man das ernst nimmt.
00:25:58: Selbstverständlich ist es so, dass ein Gefühl noch nicht sagt, dass es in jedem Fall tatsächlich so ist.
00:26:04: Aber trotzdem muss man das ernst nehmen und ich halte das für wichtig, die Meinungsfreiheit dadurch aus ins Schaufenster zu stellen und auch zu sagen, da ist was in Gefahr, damit einfach sensibilisiert wird, weil es darf nicht mal da verdacht aufkommen, dass die Meinungsfreiheit bedroht ist.
00:26:24: Herr Wenker, zum Schluss.
00:26:25: Was hat sie jetzt eigentlich dazu gebracht, zu sagen, ich muss jetzt dieses Buch schreiben.
00:26:29: Was wollten Sie mitteilen?
00:26:32: Also es gibt ja ein erfreulich hohes Interesse daran, was Meinungsforschung macht.
00:26:38: Wenn Umfragen veröffentlicht werden, interessiert das die Leute.
00:26:42: Fühlen Sie sich bestätigt durch das Umfrageergebnis?
00:26:46: Sagen Sie, das ist wunderbar.
00:26:47: Fühlen Sie sich nicht bestätigt.
00:26:49: Zweifeln Sie an der Umfrage.
00:26:51: Deshalb schien es mir mal wichtig darzulegen, wie.
00:26:54: wird das mit den Umfragen tatsächlich gemacht.
00:26:57: Wie ist die große Bandbreite der Meinungen, die es in Deutschland gibt und einfach auch ein Stück weit zu werben für Toleranz, deutlich zu machen, also nicht zu werben für Toleranz, sondern auch, sondern zu werben für Transparenz, dass man offen stellt, so arbeiten wir und deutlich zu machen.
00:27:24: was Meinungsforschung wirklich leisten kann.
00:27:27: Also wir haben sechzig Millionen Wahlberechtigte und können mit einer Umfrage von zwei tausend Befragten exakt abbilden, wie eine Wahl ausgeht und sind nachher noch näher am Wahlergebnis dran als eine Vorwahl, als eine Nachwahlbefragung.
00:27:49: Also ich finde, die Meinungsforschung kann ein gutes Spiegelbild abgeben.
00:27:54: Dafür sollte sie genutzt werden.
00:27:56: Aber, und das ist auch eine wichtige These meines Buches, Meinungsforschung kann nicht alles ersetzen.
00:28:02: Meinungsforschung kann nicht die Arbeit der Politik übernehmen.
00:28:06: Politiker müssen selber noch zu ihren Positionen stehen.
00:28:09: Und auch die Medien als anderer Part der Meinungsbildung müssen verantwortlich.
00:28:16: Ihrer Aufgabe nachgehen.
00:28:18: und da wünsche ich Ihnen natürlich auch bei der JV viel Erfolg.
00:28:21: Ja, herzlichen Dank und auch danke, dass ich da war und erwinkert.
00:28:24: Und auch Ihnen vielen Dank.
00:28:25: Bis zum nächsten Mal.
00:28:26: Wiedersehen.
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